Einfach mal zu Ende denken: Verzicht auf Eigenbeteiligung, Gratismasken und Bonus-Coupons bei der Ausgabe der FFP2-Masken
Januar 15, 2021Liebe Kolleginnen und Kollegen,
vorneweg: die übergroße Zahl von Ihnen macht dieser Tage wieder einen unglaublich guten Job, indem sie trotz aller Mühen und Anstrengungen die in unserer Gesellschaft am meisten gefährdeten Personen schnell und unbürokratisch und vor allem wohnortnah mit dringend benötigten qualitativ hochwertigen FFP2-Masken versorgt. Die überwiegende Zahl der Berliner Apothekerinnen und Apotheker hält sich dabei an das, was der Gesetzgeber mit der Schutzmaskenverordnung erreichen wollte: Sie verteilt nicht einfach nur Masken, sondern berät auch immer und immer wieder zur richtigen Anwendung, beantwortet Fragen zur Tragedauer und Sicherheit und gibt damit der Risikogruppe in diesen zugegebenermaßen dunkleren Tagen auch eine dringend benötigte Portion Nähe, Mut und Zuversicht. Dafür kann ich Ihnen und Ihren Teams gar nicht genug danken, denn genau das ist es, was die Bevölkerung jetzt braucht. Genau das sind die Gründe, weshalb die Politik uns vertrauensvoll mit dieser Aufgabe betraut hat und genau das ist es auch, was „Apothekersein“ ausmacht: soziale Nähe und unglaubliche Einsatzbereitschaft gepaart mit naturwissenschaftlichem Denken und Wissen!
Aber zum Heilberuf „Apotheker“ gehört auch, das eigene Handeln zu hinterfragen und nicht nur kurz-, sondern mindestens auch mittelfristig zu denken. Im Altertum hieß das „Quidquid agis, prudenter agas et respice finem! – Was du auch tust, tu es klug und bedenke das Ende!“ Es war und ist eine bekannte und wertvolle Weisheit.
Umso unverständlicher, dass sich gerade jetzt einige Kolleginnen und Kollegen – obwohl des Lateins mächtig – nicht mehr von Weisheit und Weitsicht leiten lassen, sondern den vermeintlichen Erfolg eines schnellen Marketing-Gags höher bewerten als glaubwürdiges berufspolitisches Handeln, indem sie auf die Erhebung der Eigenbeteiligung verzichten und/oder Gratismasken sowie teilweise noch weitere „Vergünstigungen“ ohne Not und entgegen dem Verordnungstext anbieten.
Respice finem! – Was sollen Politik und Bevölkerung von derartigen Aktionen halten? Dass wir als Apothekerinnen und Apotheker Gesetzestexte nicht beachten oder den Inhalt nicht verstehen? Dass wir das verabschiedete Honorar in der Höhe gar nicht nötig haben und dass wir eine Eigenverantwortung der Bezugsberechtigten, die sich ja gerade auch durch die Eigenbeteiligung deutlich macht, nicht brauchen? Dass wir weder als Heilberuf wahrgenommen werden wollen, noch dass uns der gerade jetzt so wichtige gesamtgesellschaftliche Zusammenhalt interessiert, weil jeder doch nur an sich denkt?
Wie wollen wir der Politik erklären, dass wir alle eine Verbesserung der Apothekenvergütung für unsere vielfältigen und zum Teil auch neuen Aufgaben benötigen, wenn der Eindruck erweckt wird, dass wir das, was die Gesundheitspolitik als sachgerechte und wertschätzende Vergütung ansieht, gar nicht benötigen. Denn der Verzicht auf die Eigenbeteiligung an den Schutzmasken bedeutet nichts anderes als: 34,00 EUR statt 36,00 EUR hätten auch gereicht. Und: Bei rund 27 Millionen Bezugsberechtigten reden wir hier gerade über eine Summe von rund 54 Mio. EUR, die wir nach Meinung dieser Kolleginnen und Kollegen nicht benötigen. Weder zur Sicherung der Betriebe, noch zur Sicherung oder zum Ausbau der Leistung, von Arbeitsplätzen und Vergütung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ganz zu schweigen!
Was für ein fatales und falsches Signal! Mit solchen kurzfristig gedachten Aktionen wird es – um in der Welt der Antike zu bleiben – eine Hercules-Aufgabe werden, der Politik zu erklären, dass es sich dabei um nur vereinzelte Fälle von Verdrängungswettbewerb auf Kosten der sich korrekt verhaltenden Kolleginnen und Kollegen handelt. Denn das Bild „Wir Apothekerinnen und Apotheker benötigen die Eigenbeteiligung der Berechtigten nicht.“ ist plakativ gesetzt und lässt sich nur schwer wieder zurecht rücken.
Die „Verzicht-Kolleginnen und -Kollegen“ richten damit einen erheblichen Schaden für alle an, der weit über die finanziellen Einbußen hinausgeht. Sie stellen damit ebenso die Systemfrage wie die „Bonus-Kolleginnen und -Kollegen“, die mit immer neuen Ideen, Wertgutscheinen und Zugaben die Arzneimittelpreisverordnung unterlaufen. Wie sollen die ABDA, die Apothekerkammern und die Apothekerverbände glaubwürdig bei der VOASG-Gesetzgebung und weiteren Verfahren argumentieren, wenn ihnen die eigenen Kolleginnen und Kollegen mit derartigen Aktionen die Argumentationsbasis „zerschießen“. Weil sie den Denkprozess insgesamt nicht zu Ende führen?
Respice finem! – Nicht zu Ende gedacht ist in dieser Hinsicht auch das Anbieten kostenloser Dienstleistungen oder hoher Preisnachlässe, denn die Gesundheitspolitik ist auch parteiübergreifend auf der Linie unterwegs: „Keine Verbesserung der Apothekenvergütung nach dem Gießkannenprinzip. Die Apotheken sollen höhere Deckungsbeiträge selbst erwirtschaften mit Zusatzverkäufen und pharmazeutischen Dienstleistungen.“ Das kann man gut oder schlecht finden, es ist und bleibt derzeitige politische Denkweise. Die Patientinnen und Patienten werden den Wert der OTC und unserer pharmazeutischen Dienstleistungen ebenso wenig wertschätzen wie die Politik, wenn wir selbst unseren eigenen Leistungen, manchmal sogar im wahrsten Sinne des Wortes, keinen Wert geben.
Wenn so bewusst Grenzen ausgetestet und Berufsethos vergessen oder gar ausgehebelt werden, hilft auch kein Ruf nach einem Einschreiten der Kammer, der Wettbewerbszentrale oder eines anderen Hüters, denn die Borderliner haben oft für die Dauer ihres allgemeinschädigenden Verhaltens mehr eingestrichen als sie mögliche Sanktionen kosten. Sind wir wirklich so weit, dass wir einen derartigen Verlust an Berufsethos auf breiter Front beklagen müssen? Ich glaube nicht.
Wer mich kennt weiß, dass ich ob des Geschilderten nicht in Resignation und Attentismus verfallen werde, sondern weiter die Dinge beim Namen benennen, aufklären und Ihnen Zusammenhänge erklären werde, damit wir gemeinsam unsere Ziele erreichen können. Dazu gehört auch, dem Kollegen, der Kollegin „um die Ecke“ den gleichen Verdienst zu gönnen, den man für sich selber auch erzielen möchte. Mit guter Leistung, guter Beratung, gutem Service. Dazu gehört auch der Mut, nicht alles, was möglich ist, auch zu machen. Und die schon gedruckten Plakate mit Gratisangeboten vielleicht an der Stelle doch einfach mal zu überkleben. Oder abzuhängen. Weil wir alle es uns wert sind.
„Respice finem! – Was du auch tust, tu es klug und bedenke das Ende!“ Ich weiß, dass Sie, dass wir alle, das können. Wenn wir es nur wollen!
In diesem Sinne wünsche ich mir, dass wir in Berlin (und nicht nur hier) den Mut haben, auch mal der einen oder anderen Versuchung zu widerstehen und stattdessen zusammenzustehen. Für uns, für unseren Berufsstand und natürlich auch für unsere Kundinnen und Kunden, unsere Patientinnen und Patienten, die jede unserer Berliner Apotheken brauchen. Noch nie war es so wichtig!
Mit herzlichen Grüßen
Ihre
Dr. Kerstin Kemmritz
Präsidentin